Interview Sebastian Heer c/o pop

Interview Teil 2: Sebastian Heer

Booker beim c/o pop Festival

Interview Sebastian Heer c/o pop

"Aber es ist ja so, in dem Moment, wo sich das ändert, dass die große Promophase gar nicht mehr unbedingt zu einem Album kommen muss, sondern dass auch die Single das große Momentum der Promotion werden kann."

Hier geht es nun weiter mit dem zweiten Teil meines Interviews mit Sebastian Heer.


In Teil 1 ging es ja um das c/o pop Festival, seine Rolle als eines der so genannten Showcase- Festivals, und darum, was es braucht, um vielleicht die Chance auf einen Slot dort zu haben.
Hier findest du den ersten Teil des Interviews.


Im zweiten Teil folgen nun spannende Themen wie die Bedeutung, die es hat (oder auch nicht hat), ein Label bzw. generell eine Infrastruktur als Musiker*in hinter sich zu haben, und auch die Frage, die im Moment immer wieder um uns herum aufploppt: Ist das Album tot?

Corinna: Was mich persönlich noch interessiert – weil du eben auch Label angesprochen hast, wie ist das denn aus deiner Perspektive: es gibt ja heute immer mehr Bands auch, die sagen, wir machen das alles ohne Label, Vertrieb, etc. – du kannst es eben wenn du willst alles selber machen. Es gibt aber eben auch Bookings, die darauf schauen, dass sowas einfach da ist, dass es also etwas Repräsentatives hat.


Sebastian: Würde ich gar nicht unbedingt sagen, es ist so und so. Auch hier gibt es Beispiele von Acts, die das alles im Alleingang machen und damit extrem erfolgreich werden, weil sich dann doch irgendwie Qualität, Authentizität, Professionalität einfach auch durchsetzen können, wenn du keine bedeutende Infrastruktur um dich herum hast. Deswegen würde ich den Weg nicht kategorisch ablehnen.


Aber man darf sich nichts vormachen: Leute, die professionell im Musikgeschäft arbeiten, werden immer erstmal gucken, wer steckt vielleicht schon dahinter. Weil diese Personen wiederum für dich gewisse Vertrauenswerte darstellen. Weil du von vielen Leuten weißt, dass das, was sie buchen, managen, signen, eine gewisse Qualitätsgarantie in sich hat. Ja natürlich, diese Infrastruktur zu haben, in dem Moment, wo du an irgendwen, irgendwas herantrittst, sieht immer erstmal gut aus.


Das heißt aber absolut nicht, dass es ausgeschlossen ist, den anderen Weg zu gehen. Vor allem in der heutigen Zeit, in der du deinen Song zuhause aufnehmen und ungemastert bei Spotify hochladen kannst, und dann durch einen Mix aus Qualität und Glück an große Hörerschaft kommen kannst, die einerseits entweder dafür sorgt, dass du autark erfolgreich wirst, oder dir diese Infrastruktur an Menschen, die für dich und mit dir professionell arbeiten, erst liefert. Das kann einfach auch so dazu führen.


Das passiert ständig und ist ja auch eine total interessante Entwicklung, dass wir das einfach heutzutage können. Viele Leute, vielleicht auch vor allem Leute, die etwas altmodischer eingestellt sind, finden das vielleicht irgendwie nicht gut. Aber ich finde, es gibt nichts, für die Kunst, die ja dahintersteckt, interessanteres, als dass du einfach machen und raushauen kannst.


Also das hat einfach einen total positiven Sinn von Output für dich, dass du eben nicht einen Song schreibst, der dann anderthalb Jahre später rauskommt, weil du in so vielen Verhandlungen steckst, dass der dich vielleicht gar nicht mehr musikalisch repräsentiert. Weil das, was du vielleicht durch die Musik oder das Songwriting generell aussagen wolltest auch, was dich in deiner Phase deines Lebens repräsentiert hat, und deswegen sehr authentisch von dir rübergebracht werden kann oder wurde – all das, dann gar nicht mehr in die Zeit passt. Es gibt ja auch dieses Phänomen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, - wie willst du gegebenenfalls zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, wenn gerade etwas extrem interessantes passiert, auf was du vielleicht künstlerisch auch eingehst, mit dem du dann aber wieder anderthalb Jahre zu spät bist.

“Es tendieren immer mehr Leute dazu, eher wenige Songs vieler Künstler zu hören, als extrem viele Songs von wenigen Künstlern.”

Corinna: Ja, da sind wir ja fast schon bei der nächsten Diskussion, und ich stelle diese These, von der man zurzeit immer wieder hört, einfach mal direkt in den Raum: das Album ist tot.


Sebastian: Also ich will jetzt nichts gegen die vielen Extremliebhaber von ganzen Alben sagen, aber natürlich kennt jeder die Situation, in der ein Künstler ein Album rausbringt, aber man hört immer nur die dieselben drei Tracks und für die anderen interessiert man sich nicht unbedingt. Und ich glaube vor allem durch dieses Prinzip Streaming, Playlists, und all diese Medien und Plattformen, die irgendwie auch zu „viel anhören in wenig Zeit“ einladen, und „hast du das schon gehört“, „kennst du das schon“, „ich hab jetzt das entdeckt“ - was ja einfach viel einfacher geworden ist -, da tendieren immer mehr Leute dazu, eher wenige Songs vieler Künstler zu hören, als extrem viele Songs von wenigen Künstlern.


Das ist natürlich dann ein Prinzip, was auch die Musikindustrie mittlerweile merkt, oder schon seit mehreren Jahren merkt, und deswegen wird da einfach die Single im Vergleich zum Album immer wichtiger. Deswegen guck es dir an, mein Lieblingsbeispiel, Parcels, die einfach schon Läden mit über 1000er Kapazität gefüllt haben und die hatten drei bis vier Singles draußen, Album in weiter Ferne liegend. Und jetzt kam das Album, und du hast fast das Gefühl, das musste irgendwie noch so hinterher geschoben werden, weil man noch in der Zeit ist, in der man das nun mal macht.

“Ich als Festivalbooker muss mich extrem da orientieren, wo die Promophase von einem Künstler ist.”

Corinna: Ja, und es kommt ja tatsächlich auch von Festivalbookern immer wieder mal die Frage, „kommt da denn dieses Jahr noch ein Album, ist das gerade das, was ihr habt“?


Sebastian: Ja natürlich, kann ich ja jetzt auch aus meiner Warte sagen, weil es noch so ist, dass das Album das stärkst beworbene oder promotete Tool ist, was eine band so vorzuweisen hat. Single kommt natürlich direkt danach, Single und Video ist natürlich auch immer ein wichtiges Medium, was beworben wird. Aber meist vorwiegend eben im Vorfeld vom Albumrelease.


Noch sind wir in der Situation, wo das durchaus so ist. Und ich als Festivalbooker muss mich extrem da orientieren, wo die Promophase von einem Künstler ist. Es ist nicht umsonst so, dass die meisten Künstler auch genau in der Phase, in der sie ein Release haben, einen riesigen Festivalsommer spielen oder ewige Clubshows. Wie viele Künstler spielen große, ausgedehnte Club-Touren ohne in Promotion von einem Album oder einem Release zu sein – wenige. Weil in dem Moment kannst du eben crossmedial dieses Thema bewerben.


Wenn ich letztes Jahr hier Drangsal spielen hab, und Drangsal gerade in der Promophase zu seinem neuem Album Zores ist und gefühlt jede Woche drei neue Interviews rauskommen und der Typ mit seinem Podcast durchstartet, dazu alle drei Wochen eine neue Single mit einem aufwendigen Video kommt und dann eben final das Album – natürlich werden dann defacto mehr Leute darauf aufmerksam, dass dieser Künstler dann eben auch in Köln beim c/o pop Festival spielt. Natürlich wird sich das wiederum dann in mehr Ticketverkäufen äußern - das ist vollkommen logisch, dass wir als Festival diese Zeiten nutzen.


Aber es ist ja so, in dem Moment, wo sich das eben ändert, dass die große Promophase gar nicht mehr unbedingt zu einem Album kommen muss, sondern auch zu einer Single sein kann, also das die Single das große Momentum deiner Promotion wird, also in dem Moment wird natürlich auch ein Festival oder ein Clubbetreiber vermehrt darauf achten, wie sehr eben man in der richtigen Zeit von einem Singlerelease sein wird.


Die Musikindustrie, mit all ihren verschiedenen Variationen, wird sich immer auch irgendwie an dem Verhalten von Künstlern, von anderen Sparten der Musikindustrie, oder den Hörern, orientieren und entsprechend darauf reagieren. Über das Thema kann man natürlich ewig reden und ich schweife auch total ab. Aber es gibt dazu eben einfach viel zu sagen, das ist für alle interessant, nicht nur für die Newcomer Band, die plant, wie sie mit ihrer Karriere umgehen soll, sondern es ist auch interessant bereits mitten drin zu sein und das zu beobachten.

"Kümmert euch auf jeden Fall um Konzerte, spielt, spielt, spielt, sammelt Erfahrung, werdet besser darin - fliegt manchmal auf die Fresse und lernt daraus, um dann vorbeireitet zu sein, wenn es ernst wird."


Corinna: Hast du noch ganz generelle, abschließende Tipps? „Spielen, spielen, spielen!“ hatten wir ja schon.


Sebastian: Also, genau, ich kann es zu dem Zweck eigentlich nur nochmal zusammenfassen: Schließt euch im Proberaum ein, versucht das bestmögliche aus dem herauszuholen, was ihr da macht. Dann guckt euch an, was andere Bands und Künstler machen, die ihr gut findet, die ein bis zwei Schritte weiter sind als ihr, die in eine ähnliche Kerbe schneiden wie ihr, guckt euch an, was die machen, guckt euch an was die vor allem gut machen, überlegt euch, was ihr machen könnt, was ebenso gut aussieht, ohne eine Kopie zu sein, sondern trotzdem noch ihr seid, versucht dadurch euch möglichst attraktiv für die Außenwelt darzustellen.


Vergesst nicht überall vertreten zu sein, wo man es sollte, sprich natürlich noch Facebook, natürlich Instagram, vielleicht Twitter, natürlich bei Spotify, natürlich gerne auch bei anderen Plattformen, die einfach mittlerweile super relevant sind. Wenn ihr noch keine Leute an der Hand habt, die das für euch machen, kümmert euch auf jeden Fall um Konzerte, spielt, spielt, spielt, sammelt Erfahrung, werdet besser darin - fliegt manchmal auf die Fresse und lernt daraus, um dann vorbeireitet zu sein, wenn es ernst wird.


Und dann irgendwann, wenn es nicht schon zu euch gekommen ist, macht euch Gedanken, wer sind attraktive Partner für euch in jeglicher Hinsicht, mit wem wollt ihr zusammenarbeiten, wen gibt es da überhaupt. Schafft euch Expertise drauf, zumindest in den Basics, wie das Musikgeschäft läuft, was es für Sparten gibt, die für euch interessant sind. Sprich Label, Vertrieb, was ist ein Verlag, was macht ein Management für mich, was macht eigentlich das Booking für mich – lernt das, was das ist, guckt euch an, wer relevante Partner für euch da sind und wie gesagt, wenn sie nicht zu euch gekommen sind, geht sie an und versucht da euer glück.


Ich glaube das ist alles was man tun kann erstmal.


Corinna: Klingt doch nach einem Plan! 😉