Interview Sebastian Heer c/o pop

Interview Teil 1: Sebastian Heer

Booker beim c/o pop Festival

Interview Sebastian Heer c/o pop

"Natürlichkeit, in dem, was du musikalisch machst und wie du dich entsprechend auch präsentierst, ist eine Sache, die ich subjektiv als wichtig empfinde."

Vor ein paar Wochen habe ich mich auf einen Kaffee mit Sebastian Heer, Booker beim c/o pop Festival, zu einem Interview getroffen.

Es gab so viele spannende Themen zu bereden, dass ich das Interview hier in zwei Teilen veröffentlichen werde.


Heute geht es in Teil 1 natürlich erstmal um das c/o pop Festival, seine Rolle als eines der so genannten Showcase- Festivals, und darum, was es braucht, um vielleicht die Chance auf einen Slot dort zu haben.


Im zweiten Teil folgen dann noch spannende Themen wie die Bedeutung, die es hat (oder auch nicht hat), ein Label zu haben, und der Frage, die im Moment immer wieder um uns herum aufploppt: Ist das Album tot?

Corinna: Für den Einstieg, wer bist du, was machst du, und vielleicht auch, wie bist du dahin gekommen?


Sebastian: Okay, also ich bin Sebastian Heer, ich bin der Head of Booking beim c/o pop Festival. Wie bin ich dahin gekommen … Ich bin seit ich 14, 15 bin in Bands und habe das immer weiter intensiviert, bis ich auch in meinen ganzen 20ern immer mit Bands unterwegs war, auf Deutschland-Tour, im Ausland, auf Festivals etc.. Dadurch habe ich dann gemerkt, dass ich das interessant finde und habe auch entsprechend schon einige Kontakte geknüpft, die jetzt für mich hilfreich sind.  


Dann habe ich mir parallel dazu eigene Expertise geholt. Ich habe viele Jahre in Bonn gewohnt, weil ich da auch studiert habe, und habe da Partys und Konzerte organisiert. Gleichzeitig habe ich auch schon angefangen für viele befreundete Bands Konzerte und Kontakte herzustellen und bin dadurch so da reingekommen. Nachdem ich dann meinen klassischen Bachelor in Politikwissenschaften fertig gemacht hatte, habe ich eine Assistenz beim Booking des c/o pop Festivals angefangen.


Später ist die Stelle des Programmleiters frei geworden und ich habe sie bekommen. Ich habe mir die Expertise, wie das so generell alles funktioniert, davor geholt und bin dann quasi da hochgezogen worden, also auch da in diesem Feld beim Festival ausgebildet worden, sag ich mal.


“Vor allem ist das c/o pop Festival aber auch ein Treffpunkt oder eine Schnittstelle zwischen Businessleuten aus dem Musikgeschäft, Künstlern und deren Vertretern. ”

Corinna: Dann vielleicht auch direkt zum c/o pop Festival - das machst du wahrscheinlich oft genug – kannst du kurz zusammenfassen, was das Festival ausmacht?


Sebastian: Genau, also das c/o pop Festival ist ja mittlerweile im 16. Jahr. Es folgt einem ähnlichen Prinzip wie das Reeperbahn Festival: Einerseits, wie viele Leute es glaube ich wahrnehmen, ist es ein Festival für die Öffentlichkeit, bei dem du klassisch, stadtfestivalmäßig diverse Konzerte besuchen kannst.


Vor allem ist es aber auch ein Treffpunkt oder eine Schnittstelle zwischen Businessleuten aus dem Musikgeschäft, Künstlern und deren Vertretern. Das wird durch unsere Convention, die wie eine Konferenz mit Panels und Workshops etc. fungiert, und auch mit diversen Programmen, die wir haben, wie das Musik-Hub oder das Wunderkinder-Projekt, abgebildet. Es geht generell darum, Orte und Projekte zu schaffen, an denen einfach Schnittstellen entstehen, an denen Leute aus verschiedenen Disziplinen des Musikgeschäfts sich begegnen.


Aber auch  - das wären dann so Projekte wie bei Musik-Hub oder Wunderkinder – hoffnungsvollen deutschen Acts zu begegnen, die man eventuell, weil man vielleicht ausländischer Delegierter ist, noch gar nicht kannte und dadurch kennengelernt, und in Verbindung kommt mit deren Managements und Bookings.


Aber, wie gesagt, abgesehen von dieser Schnittstelle für das Musikgeschäft fungieren wir aber auch einfach als Indoor-Festival für Köln. Bei dem du allerdings nicht nur ausschließlich Acts siehst, die du vielleicht schon kennst, sondern du auch viele Konzerte kostenlos besuchen kannst, bei denen du eben neue Acts, Newcomer Acts entdecken kannst. Du sollst also beim c/o pop Festival nicht nur zu Tocotronic gehen und die Songs mitsingen, sondern du sollst auch das Festival besuchen und danach mit einer Reihe von Neuentdeckungen wiederkommen und dich freuen, dass du das präsentiert bekommen hast.


“Es hat sich über die ganzen Jahre bewährt, dass wir für uns interessante Newcomer Acts selbst finden.”

Corinna: Und diese Newcomer-Acts – das ist dann quasi auch schon direkt das Stichwort – wie, wenn ich jetzt ein Newcomer Act bin, wie werdet ihr oder du in dem Fall denn da auf die aufmerksam, oder gibt es da einen Bewerbungsprozess oder ist das eher so eine Recherche von deiner Seite?


Sebastian: Also wir haben natürlich eine allgemeine Email-Adresse, auf die wir viele Anfragen bekommen. Wenn ich ehrlich bin, kommt es aber verhältnismäßig selten dazu, dass eine Band, die sich ganz ohne Struktur von sich aus initiativ bewirbt, tatsächlich beim Festival stattfindet. Das liegt einfach daran – nicht, weil wir arrogant sind oder irgendwas -, sondern weil es sich schon irgendwie bewährt hat über die ganzen Jahre, dass wir für uns interessante Newcomer Acts selbst finden. Acts, denen wir ja auch Potenzial zutrauen, in Zukunft eine größere Öffentlichkeit zu erreichen, aber auch eine Infrastruktur um sich herum zu kreieren - sprich ein Booking zu finden, Management zu finden, Label zu finden -, also denen wir generelles Potenzial auf dem (deutschen) Musikmarkt zutrauen. So hat es sich eigentlich immer bewährt, dass wir auf diese Leute irgendwie aufmerksam werden.


Was natürlich auch dahinter steckt ist der kuratorische Gedanke. Natürlich ist so ein Festival in einer gewissen Art und Weise immer subjektiv, weil du hast immer jemanden, der das Programm eben stellvertretend für dieses Festival kuratiert, deswegen hat es immer eine subjektive Komponente, und die darf natürlich auch aktiv so sein. Deswegen stellst du dir deine Leute ein, von denen du überzeugt bist, dass die da einen guten Riecher haben.

"Eine sehr professionelle und gute Außendarstellung aufzuziehen wäre der Tipp!"


Corinna: Ich finde das so spannend, weil die Katze sich da so ein bisschen in den Schwanz beißt: weil ja auch in letzter Zeit immer viel gesagt wird, eben auf solchen Showcase-Festivals zu spielen, dass genau das eben gerade für Bands dann auch so der nächste Schritt ist, um eben weiterzukommen in ihrem Newcomer-Sein. Und dass es ja dann aber andersrum auch so ist, um überhaupt dafür ausgewählt zu werden, man überhaupt schon mal auf einem gewissen Punkt sein muss, wo dieses „auf einen aufmerksam werden“ sozusagen aus dem Geschehen heraus auch erstmal gegeben sein muss.


Sebastian: Ja, absolut valider Punkt. Das kann in einer gewissen Weise schnell ein Teufelskreis werden für Acts. Ja, welchen Tipp soll man da geben? Es ist halt schwierig.


Zum Thema Showcase würde ich erstmal sagen: ja und nein. Es laufen dort natürlich nicht nur normale Leute sondern auch alle möglichen deutschen, nationalen und internationalen Leute aus dem Business rum, mit dem Ziel, nicht nur sich gegenseitig zu treffen, sondern auch neue spannende Künstler und Künstlerinnen zu finden. Und natürlich kannst du dort dann - kommt natürlich auf deinen Slot an -, spielen und Leute im Publikum sehen das und signen dich danach, entweder für ihr Label oder für ihren Verlag oder buchen dich für ihr Festival oder sonstiges.


Es kann dir aber natürlich anderseits, und das habe ich auch am eigenen Leibe schon erfahren, passieren, dass du mit hohen Erwartungen zu sowas wie dem Eurosonic oder dem Reeperbahn Festival fährst, und dann spielst du aber eben nicht an einer hochfrequentierten Location, an einem hochfrequentierten Zeitpunkt, sondern spielst dann eben vor zehn Leuten, die dir dann am Ende nichts bringen. Das ist natürlich eine Sache, die immer so oder so passieren kann.


Generell zur Frage wie komme ich zu einem Showcase-Festival, also wie bin ich überhaupt erst so interessant, um dahin zu kommen – tatsächlich gibt es da einfach viele verschiedene Faktoren. Natürlich ist es wichtig sich vor einer potenziellen Bewerbung schon interessant zu machen. Mit guten Aufnahmen, guten Pressefotos, einer guten Außendarstellung, jeder weiß wie wichtig Social Media ist - schon fast leider mittlerweile gefühlt so wichtig wie der musikalische Inhalt.


Also eine sehr professionelle und gute Außendarstellung aufzuziehen wäre der Tipp, was jetzt inhaltlich nochmal ein Thema wäre, was ich ewig ausführen könnte. Und mit dieser Außendarstellung eben an eine Bewerbung dranzugehen. Aber nicht nur an eine Bewerbung zum Beispiel zu explizit diesem Festival, wo du hin willst, sondern eben auch zu Agenturen, zu Managements. Eben zu gucken, was haben Acts vielleicht in meiner Kategorie, oder die einen Schritt weiter sich als ich, vielleicht etwas ähnliches verkörpern, was haben die denn für eine Infrastruktur, wer sind denn die Leute, die hinter diesen Leuten stehen, könnten diese Leute auch Interesse dann dementsprechend an mir haben, oder an meiner Musik.


Also bevor man sich Musikbusiness-Leuten bei einem Showcase Festival präsentiert, kann es auch schon interessant sein, sich davor genau diesen Leuten in ihrem normalen Arbeitsumfeld zu präsentieren, und dann durch diese Leute dort hin zu kommen und sich da dann nochmal ganz neuen Leuten zu präsentieren, die da dann für dich interessant werden. Den Idealweg gibt es einfach nicht.


"Auch immer sehr wichtig in der Darstellung und daher empfehlenswert ist, möglichst viele Konzert/Festivaldaten zu haben, also spielen, spielen, spielen!" 

Ich kann dir für jedes Szenario irgendeine Band nennen, wo man sagen kann, die hat‘s aber so gemacht und das hat so funktioniert. Es gibt die rotzige Punkband, die beim Showcase Festival irgendeinem Delegate beim Konzert ein Bier übergekippt hat und dadurch vielleicht bekannt geworden ist, andererseits den Act, die vorher alles dafür getan hat, um schon direkt eine Infrastruktur zu haben und dann eben über ihre Bookingagenturen und das Management eingeladen wird und dann vielleicht aber schon nur noch da ist um internationale Kontakte zu sammeln.


Auch immer sehr wichtig in der Darstellung und daher empfehlenswert ist, möglichst viele Konzert/Festivaldaten zu haben, also spielen, spielen, spielen! Das sollte sowieso immer das federführende Credo sein. Das hab ich jetzt sogar vergessen eben bei dem Punkt, natürlich ist es nicht nur wichtig, eine schöne Außendarstelltung zu haben, in Bezug auf Pressefotos, Musik und Social Media, sondern es sieht auch für jeden Menschen, sei es für mich oder für Clubbetreiber, oder Manager etc., immer gut und wichtig aus, wenn Leute Konzerte haben.


Denn daraus ziehst du mehrere Infos: Eigeninitiative, weil du dir das gegebenenfalls auch selber organisiert hast alles. Dadurch hast du wahrscheinlich schon erste Expertise im Musikgeschäft gelandet, das heißt, die Band hat schon ein bisschen Einblick, wie das alles so funktioniert, wie Zusammenhänge sind, was durchaus sehr wichtig ist, um weiterzukommen. Und gibt natürlich Auskunft über einfach eine gute Konzertexpertise, also es ist bei jedem Act so, dass die durch live spielen besser wird. Das ist einfach so. Eine Band die einfach überhaupt keine Konzerte übers Jahr spielt, braucht nicht erwarten, dass sie irgendwie super interessant für den jeweiligen Ansprechpartner, den sie ansprechen will, ist, weil es wird ja auf verschiedene Arten und Weisen vermittelt, dass da nichts passiert.
Das ist aber natürlich auch das, was hoffentlich alle wollen, live spielen. Also du kannst dabei halt einen gewissen Biss und die Leidenschaft ablesen, was du dafür tust, das leben zu können.


Corinna: Als du gerade von den Bewerbungen gesprochen hast, wo du meintest, das würdest du auf jeden Fall empfehlen, gibt es da für dich so No-Gos, wenn man dann eine Email schreibt, oder etwas, was auf jeden Fall drin sein sollte?


Sebastian: Wie immer würde ich erstmal ganz salopp empfehlen, wie bei jeder Bewerbung, die du in jedem Bereich deines Lebens schreibst, präsentiere ein möglichst geordnetes und geistig anwesendes Anschreiben, hab natürlich alle relevanten Infos parat und gut aufbereitet.


Und natürlich tatsächlich - ich kann jetzt nur von meinem subjektiven Empfinden sprechen -, ich bin nicht der Typ der z.B. unbedingt eine DinA4 Seite Bandbiografie lesen muss um zu verstehen, was bei diesem Act passiert, sondern, - ich glaube da spreche ich für viele Leute –, ich bekomme anhand von Pressefotos, Namen und wie der Act sich öffentlich präsentiert, schnell einen ersten Eindruck, weil das ist eben das, was du jeden Tag machst. Deswegen sollte das eben einfach, wie ich eben schon gesagt hab, auf höchstmöglichem, für diesen Act zu diesem Status möglichen Niveau sein.


Was gleichzeitig eben auch wichtig ist, ist Authentizität. Du merkst natürlich total schnell, weil man eben auch die Acts kennt, an die sich angelehnt wird, wenn ein Act irgendetwas nachmacht, kopiert, versucht zu sein, was sie nicht ist. Deswegen, Natürlichkeit, in dem, was du musikalisch machst und wie du dich entsprechend auch präsentierst, ist schon auch eine Sache, die ich subjektiv als wichtig empfinde. Weil nur so kann ich dem Act überhaupt das abkaufen, was sie da mir verkaufen will. Und nur so erweckt es auch in gewisser Art und Weise mein Interesse.